Reformation – Aufklärung – Moderne

Das Zeitalter der Aufklärung markierte einen Wendepunkt im Verständnis der Reformation: Diese wurde durch die Entwicklung eines dezidiert historischen Denkens als revolutionäres Ereignis, als fundamentaler Bruch mit dem Althergebrachten gedeutet und als Beginn eines neuen Zeitalters verstanden. Tatsächlich markierte die grundsätzliche Orientierung am Wort und an der Schrift (sola scriptura) die Anfänge einer Emanzipation gegenüber den Traditionen und Konventionen, also die Anfänge eines modernen und weit mehr als bisher innengeleiteten Verhaltens. Pietismus und protestantische Aufklärung, bei denen dies alles dann offenkundig ist, stehen demzufolge in der Tradition der Lutherischen Kirche.

Luthers Eintreten für eine allgemeine Schulbildung ebenso wie für eine besondere Pflege der hohen Begabungen, seine Betonung der klassischen Sprachen sowie des Geschichtsunterrichts haben wegweisend gewirkt. Die Belebung des akademischen Studiums und die neue Blüte der höheren Schule (ab 1530) gehen auf Luthers Schrift „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ (1524) zurück, ebenso wie die allgemeine Schulpflicht durch sie mit vorbereitet worden ist. Luthers Bibelübersetzung und Sprache, der Katechismus und das Gesangbuch wirkten nicht nur selbst volkserzieherisch, sie forderten auch Volkserziehung.

Die Zeit um 1800 steigerte noch einmal den reformatorischen Antrieb zur Bildung seit dem 16. Jahrhundert – einer damals erstmals beanspruchten Volksbildung aller Menschen. Insofern ist das ‚Modell Bildung‘ zweifach religiös fundiert: Die erste Ursprungslinie bezieht sich auf die voraufklärerische Begriffskontextualisierung von ‚Bildung‘ im Rahmen der Mystik insbesondere Meister Eckharts. Die Vorstellung, der Mensch sei ein Abbild Gottes, ist eng mit diesem frühen Bildungsbegriff verbunden – die Seele ‚entbindet‘ sich von allem Diesseitigen und wird damit offen für die ‚Einbildung‘ Gottes, also für die ‚Einbildung‘ des Göttlichen in die eigene geistig-seelische Konfiguration. Die zweite Ursprungslinie ist untrennbar mit einer spezifischen Ausprägung der Aufklärung im deutschen Sprachraum verbunden: Die Aufklärung war hier in weiten Teilen ein protestantisches Projekt. In diesem Kontext wurde Aufklärung nicht gegen, sondern gerade durch Theologie und Religion initiiert und betrieben. Dahinter steht eine ganz spezielle, anthropologisch fokussierte Verbindung von protestantischem Denken mit Postulaten der Aufklärung wie Freiheit, Mündigkeit und Autonomie. Der Kulminationspunkt der Aufklärung war in anthropologischer Hinsicht das schrittweise von Herder bis Hegel auch theoretisch entfaltete Modell von ‚Bildung als Lebensführung‘. Bildung wird so zum Ausdruck der protestantischen Lebenslaufgestaltung. Bildung wird zur Kultur des Protestantismus.

Der neu begründete Bildungsbegriff um 1800 formulierte nun als Antwort auf die Ausdifferenzierungsprozesse in der Gesellschaft, der Verwissenschaftlichung der Kenntnisse sowie des exponentiellen Zuwachses an Wissen die Idee der Perfektibilität. Damit wurde ein ‚sich von innen heraus Bilden‘ verstanden.

Diese Vorstellung wurde nicht ganz unabhängig von religiösen Vorstellungen entwickelt. Dieses Konzept unterliegt nämlich auch der protestantischen Tradition, durch eine ‚erfolgreiche‘ Lebensgestaltung und damit Selbstentfaltung Gott näher zu kommen. Gegenwärtig wird diese Vorstellung etwas eindimensionaler als lebenslanges Lernen oder in seiner negativen Ausprägung als Selbstoptimierung beschrieben. Die Spätaufklärung meint hier weit mehr: Die Gewissheit, über Vernunft allein eine Gesellschaft zukunftsfähig zu machen, schien gerade während der Terrorphase der Französischen Revolution zutiefst erschüttert. Es galt nun, den ganzen Menschen mit seinen Gefühlen und seinem Verstand heranzubilden, und zwar nicht durch direkte autoritäre Einwirkung des Pädagogen auf die Zöglinge – dies verbot sich nun – sondern durch ein erzieherisches Arrangement, welches es dem Einzelnen ermöglichen sollte, all seine ‚Kräfte‘ zur Entfaltung zu bringen. Genau in dieser Tradition stehen wir bis heute, wenn wir uns über Formen der Bildung sowie das Verhältnis von Erziehern und ‚Zöglingen‘ verständigen. Sowohl die Innerlichkeitskultur des lutherischen Christentums als auch die politisch-pädagogische Kritik an der Aufklärung und deren Ambivalenzen prägen also selbst noch unsere Bildungsidee.

Die Moderne, gekennzeichnet durch „die Entzauberung der Welt“ durch die Rationalisierung mithilfe einer instrumentellen Vernunft führte zum Triumph von totalitären Herrschaftsformen. Angesichts dieses krisenhaften Verfalls formulierte dessen Diagnostiker Theodor W. Adorno auch seine Bildungsvision: „Bildung sollte sein, was dem freien, im eigenen Bewusstsein gründenden, aber in der Gesellschaft fortwirkenden und seine Triebe sublimierenden Individuum rein als dessen eigener Geist zukäme.“ Also nicht ein technischer Wissensbegriff, der sich auch ins Abgründige wenden kann, sondern eine mit ethischem Anspruch verbundene Bildung – eine bleibende und nach den Kriegserfahrungen des vergangenen Jahrhunderts bis heute relevante Setzung.